J. G. Fichte, Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, 1811, 1. Vorlesung. Ein Kommentar

J. G. Fichte, Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, 1811, Studientexte, fhS III, 2012. Kommentar zur 1. Vorlesung (nur 1. Vorlesung)

Natürlich interessiert mich seit jeher das Verstehen von Zeit, Geschichte und Geschichtlichkeit. Dahinter steht die grundsätzliche Frage, wie können übersinnliche und sinnliche Welt zusammengehen, die geistige Welt der Ideen und die sinnliche Welt gesellschaftlicher und naturaler Erfahrung, oder nochmals in etwas anderer Begrifflichkeit, wie kann in der sinnlichen Natur die anzunehmende geistige Natur virtuell sichtbar werden, oder umgekehrt gesagt, wie zeigt sich die geistige Natur in versinnlichter und verzeitlichter und inkarnierter Form. Eine Frage, mit der Platon schon konfrontiert war. Er sprach von der „Lebendigkeit der Ideen.“ (Siehe Blog Lebendigkeit der Ideen.)

1) Ein Geschehen dieser Art d. h. die Darstellung einer Synthese von übersinnlichen Ideen in  den sinnlichen und leiblich-interpersonalen Zeichen und Werken setzt ein absolutes Vernunftsollen und ein Sollen des Sittengesetzes voraus, das sich äußert, mithin eine intelligierende Quelle des Wissens darstellt, in sofern diese Quelle aus der Erscheinung des Absoluten entspringt, welches für sich selbst unbegreiflich bleibt. Sobald zur Disjunktion des Reflektierens und Wissens übergegangen wird, ist ein unbegreiflicher „hiatus“ zum Absoluten gesetzt, sodass nur die Bedingheit und Lebendigkeit des Sich-Wissens und eine gewisse ethische Teleologie übrig bleibt, das absolute Vernunftsollen (oder das Sittengesetz) – zu Bedingungen der Freiheit – zu erreichen. Es entsteht die Richtung eines geschichtlichen Denkens, wie die Lebendigkeit der Erscheinung des Absoluten in seinen Ideen und schöpferischen Prinzipien geschaut und realisiert werden könne.

Das universale wie einzelne, individuelle Vernunft-Ich schöpfen ihr Wissen apriorisch aus dieser unerschöpflichen Quelle göttlicher Ordnung und der Erscheinung des Absoluten, ohne das die vollziehende Freiheit damit selber in Konflikt geraten könnte, denn es sollte ja in schöpferischer Weise geschaut und realisiert werden. Die Quelle des Wissens, die aus der Erscheinung des Absoluten entspringt, ist unerschöpflich, überzeitlich, und bedingt die Synthesis möglichen Sich-Wissens und bedingt somit, nach dem Gesetz der Diskursivität und Sukzessivität, eine Richtung und Geschichtlichkeit des Denkens, das sich selbst einerseits überzeitlich, apriorisch bedingt weiß, aber durch schöpferische Synthesen gleichfalls geschichtlich bedingt weiß.
Es ist, wenn ich auf Klaus Hammacher verweisen darf, mit dieser Schrift explizit ein weiterer Schritt zur Geschichtlichkeit des Denkens bei J. G. Fichte getan. Der Weg zum Geschichtsdenken kommt
unweigerlich durch den Reflexionsansatz diskursiven Wissen schon in früheren Schriften vor, aber ab der WL 1801/02 mit ihrem Begriff vom „Weltplan“ – dort am Ende der WL – und dann GdgZ, REDEN, BdG-1811 und „Staatslehre“ von 1813 ist endgültig der Weg zu einer Einbeziehung der Zeit und Geschichte in die transzendentale Erkenntnisart getan. 1

Die Grenzen der Evidenz sind jeweils, in jedem Bereich der Erkenntnis, als synthetische Erkenntnis von übersinnlicher und sinnlicher Welt festgelegt. Es treffen sich intellektuelle und sinnliche Anschauung einerseits und, was jetzt nicht zu vergessen ist, eine gewisse zielgerichtete, geschichtliche, ethische Zweckgerichtetheit andererseits.2

2)  Ein Werden, eine Entwicklung, ein Erkenntnisfortschritt ist möglich denkbar und anschaubar, ja sogar notwendig, um eine Bedingtheit zu einem Thema erklären zu können, aber nur systematisch-deduktiv als Erweiterung in und aus der apriorischen Einheit der Erkenntnis und in und aus der intelligierenden Quelle des erscheinenden Absoluten – nicht als Evolution und Entwicklung an sich.

Hier hat bekanntlich Platon in der Antike bereits in seiner Idee des Guten a) auf die Quelle aller Wahrheit und b) deren Erkennbarkeit hingewiesen und die Ideen als lebendig angesehen, die die Sinnenwelt erst begründen und vernünftig durchdringen. Die BdG-1811 lesen sich in vielen Passagen wie eine explizite platonische Ideenlehre – natürlich mit dem großen Unterschied, dass Fichte die schematischen Generierungen aus der obersten Idee erstmals nachkonstruieren konnte – was Platon, Descartes, Kant intuitiv vorausgesetzt haben.

Der Sache nach sind sich Fichte und Platon hier sehr ähnlich: Im Geiste (ideell, nicht reell) werden die  Gegensätze erzeugt und wieder vermittelt, solange, bis in einem (abgeleiteten, niederen) Begriff die Idee der Lösung und die neue synthetische Erkenntnis eingeschaut werden können.

Weder ist theoretisch ein Ding an sich zu erkennen, noch lässt sich im praktischen Wissen eine vollständig sichere Erkenntnis mit allen Folgewirkungen ablesen. Erst durch eine vertiefte geschichtliche Erkenntnisart sind die Sinngehalte des notwendigen Handelns des Geistes annähernd gut zu bestimmen.

Es gibt  unendlich viele neue Erkenntnisse im empirischen Bereich, im gesellschaftlichen und moralischen und religiösen Bereich – und allesamt sind sie durch zeitliches und geschichtliches Erkennen in ihrer Sinnbedeutung mitgeprägt.

In der dialektischen Gegensatzbestimmung von übersinnlicher und sinnlicher Welt, d. h. durch die ausschließende Totalität des reinen Wissens und des zugleich damit gesetzten gewöhnlichen, endlichen Wissens, können „Gesichte“ gefunden werden, die einen fortschreitenden Zusammenhang der beiden Welten ermöglichen – oder auch nicht, was dann als Rückschritt zu bewerten wäre.

Diese „Gesichte“ schöpfen aus der unerschöpflichen Quelle des intelligierenden Geltungsgrundes, projizieren die Zeit und Geschichte in eine „vorhergegangen“ und „nachfolgende“ Reihe der Bestimmungen und Erkenntnisse, und eröffnen zugleich die Möglichkeit neuer  Erkenntnisse und Erfahrungen in der selbst unwandelbaren Ideenwelt. Ziemlich am Anfang der BdG-1811 heißt es:

Nun ist ferner, nach einem hier gleichfals nicht zu entwikelnden Gesetze des Wissens, das Erscheinen jedes künftigen in der Zeit möglichen Ausdruks des übersinnlichen bedingt durch die geschehne Darstellung des vorhergegangenen «gemeinen Gesichts in der Sinnenwelt.“ (ebd. S 9, Hervorhebung von mir)

Das dialektische Verfahren in den beiden Richtungen eines implikationslogischen wie appositionellen Erkennens ist somit zugunsten einer geschichtlichen Reihe des Wissens und Verstehens erweitert.

Damit gelingt es m. E. FICHTE, das ursprüngliche Anliegen einer Hermeneutik, das Verstehen von Texten, von Geschichten, von geistigen Kulturleistungen, zu begründen, ohne in einem Zirkel von vorausgesetzt Wissbaren und Gewusstem befangen zu bleiben.

Das hermeneutische Verstehen heißt, Altes wie Neues transzendental-deduktiv in und aus einer intelligierenden Quelle einer übersinnlichen Ideenwelt und einem absoluten Geltungsgrund abzuleiten. 3 Die Wissensbedingungen des hermeneutischen Verstehens können sich ändern, wachsen, vergessen werden, eine Art Geschichtlichkeit des Denkens tritt ein, ein Werden, ein Fortschritt oder Rückschritt in der Erkenntnis ist möglich. Der apriorische Maßstab und der geltungstheoretische Inhalt dieser geschichtlich geprägten Wissensbedingungen bleibt aber absolut ungeschichtlich, sonst wäre eine freiheitstheoretische Bildung synthetischer Urteile und ein freies, praktisches Handeln unmöglich. Wir wären völlig determiniert.

3) Jetzt zum Text. Ich möchte den Kommentar in subjektive Abschnitte (1-18) unterteilen.

3. 1) Fichte geht von einem Zweck aus, der vom Gelehrten erreicht und dann gelehrt werden soll, vom Zweck, Wissen zu erreichen.

(….) Es ist die Absicht dieser Vorlesungen die Frage zu beantworten: was ist der Gelehrte, und die damit verwandte, falls der Gelehrte wird, und allmählich sich erzeugt, wie wird er zum Gelehrten, sodann die, wie äussert sein inneres Seyn sich in der Erscheinung.“ (zitiert immer aus fhs, Bd. 3, S 3)
Es ist ein spezielles Wissen gemeint, ein „praktisches“ Wissen. Dies könnte wiederum missverstanden werden als praktisches Tun, Handeln, oder als moralisches Wissen, als Technik, als Poesis – nein, es ist
prinzipielles, tätiges Wissen in einer intellektuellen Anschauung. Dieses Wissen gibt allem anderen Wissen erst eine abgeleitete Bedeutung und einen Sinn.

Dieses höchste Wissen oder Zweck-Wissen hat einen Wert in einer Aufgabenstellung. „(…) die Lehre ist nicht ihr eigner Zwek, und sie ist nicht da, damit sie dasey, ihr Zwek ist das Wissen.“

3. 2) Im nächsten Absatz wird angedeutet, dass dieses spezielle, von mir behelfsmäßig jetzt noch „Zweck-Wissen“ genannte Wissen, etwas Gewisses im Inneren des Menschen sein muss, das der Philosoph in seiner Prinzipienreflexion auf den Begriff und zur vollen Klarheit führen will. Nichts Äußeres kann dieses Wissen sein.

Man kann das Wissen zuförderst ansehen, als das blosse Abbild und Nachbild des ausserhalb des Wissens befindlichen, und von dem Wissen ganz u. gar unabhängigen Daseyns. ….“ (ebd. S 3)

Das gesuchte Wissen ist keineswegs (historische) Belesenheit und Gelehrsamkeit, totes Bild. „Dagegen erhellet durch den Gegensatz, und stellt in demselben sich dar, dasjenige Wissen, welchem allein jederman einen Werth beizulegen geneigt seyn dürfte. Ein solches | Wissen müßte nicht blosses Abbild und Nachbild eines schon ausser ihm, und unabhängig von ihm vorhandenen Seyns seyn, und diesem Seyn nachgehen, sondern es müste vielmehr Vorbild seyn eines Seyns, und in sich selber den Grund eines solchen enthalten können, und so dem zu ihm gehörenden Seyn vorangehen. Mit dem bekannten Worte: ein solches Wissen müste praktisch seyn, u. thätig, u. ein Seyn begründend.“(ebd. S 4)

3. 3) Das von Fichte gesuchte und für den Gelehrten zur Lehre aufgegebene Wissen soll alles andere Wissen und Gewusste begründen. Eine Begründung anzugeben – das ist des Philosophen Hauptaufgabe. Da aber nicht von äußeren Gegenständen die Rede sein kann, müssen die Gründe rationaler Natur sein, mithin Gründe des Vorstellens und des intellektuellen Handelns der Vernunft sind gemeint. Die ratio cognoscendi des Erkennens (Wissens) ist gesucht, nicht die ratio essendi, welche letztere ja durch das Wissen erst begründet werden soll.

Das oben genannte „praktische“ Wissen wird jetzt schon klarer unterschieden und herausgearbeitet als das tätige Wissen, das Inhalt und Auftrag des Gelehrten werden soll.  Worauf Fichte hinauswill, ist ihm natürlich klar. Dem Leser erschließt es sich erst. Es geht um das apriorische Wissen (vorher von mir provisorisch „Zweck-Wissen“ genannt), das als Bedingung der Möglichkeit des Wissens allen späteren Handlungs- und Erklärungszusammenhängen des Wissens vorhergeht und sie begründet. Gegenständliches, theoretisches und praktisches Wissen des Handelns, beides ist bedingt von und in diesem apriorischen Wissen, andernfalls nichts gewusst und erkannt werden kann. Das Tun und Handeln der Vernunft, das Wollen und Erkennen, alles ist in seiner Bedeutung und in seinem Sinnzusammenhang nur durch das apriorische Wissen erkennbar und wissbar gesetzt.

3. 4) Könnte es darauf hinauslaufen, das apriorische, mit Platon gesprochen, Vorwissen (pro-eidenai), als höchste Form des Erkennens, das alles weitere Erkennen, Tun und Handeln, alles theoretische und praktische Vorstellen, rechtfertigen soll, reduktiv zu erreichen?

In gewissem Sinne wird das Suchen dieses Wissens analytisch-reduktiv verlaufen, aber späterhin, bei der Notwendigkeit der Ableitung der Anschauungsformen und Denkformen, muss sich das reduktiv erschlossene Wissen zugleich als deduktives Wissen bewähren, da ja in der Anschauung (intellektuell und sinnlich) überprüft werden kann und auch überprüft werden soll, wie das erschlossene Wissen tatsächlich das erscheinende und allem anderen Wissen Wert und Bedeutung gebende, deduktive Wissen ist. Die Gewissheit, eine Erkenntnis analysierend zu erreichen ist nur ein Teilbereich des Philosophierens; schwieriger ist (fast) die Erkenntnis der Erkenntnis aller Begriffe bis zur Empirie darzustellen und auszuführen. Hier kommt es zur Ineinanderarbeitung des Vorstellens der streng gebundenen Einbildungskraft einerseits, und des Denkens und begrifflichen Verstehens andererseits, um eine möglichst adäquate Übereinstimmung  von Denken und Sein, ein begründetes Bild vom Bild des Seins, erreichen zu können. Nach der Erreichung der Gewissheit eines Wissens (reduktiv), muss synthetisch deduktiv abgeleitet werden können, wie es z. B. bei einer Empfindung notwendig zu Zeit- und Raumanschauungen kommen muss, oder wie z. B. eine Empfindung nur im Gegensatz zu einer Pluralität anderer Empfindungen denkbar ist, oder wie das triebhafte Streben stets ein höheres Streben voraussetzt, sodass schlussendlich die abgeleitete Bedingung in einem in sich und aus sich evidenten Begriff begründet und gerechtfertigt werden kann, was  in Wirklichkeit ist, und so sein soll, wie es ist, oder nicht so ist, wie es sein soll.

Offensichtlich ist das apriorische Vorwissen ein tätiges Wissen und trägt als Bedingung alles anderen Wissens die Bedeutung (den Sinn) z. B. einer Empfindung in sich. Es erkennt und deutet den ursprünglichen Vorstellungszusammenhang – im unwandelbaren Modus des Vorgestellt- und Angeschautwerdens – in einen Wert- und Sinnzusammenhang um, d. h. in eine Begrifflichkeit reinen und wahren Bildseins.

3. 5) Es ist bei genauer Beobachtung des Denkens feststellbar: Die im tätigen, apriorischen Vorwissen hervorgebrachten Bedeutungen von untergeordneten Wissenseinheiten (z. B. ein empirischer Begriff) bleiben als Vollzug erneuten Vorstellens dem Denken selbst unbekannt. Könnte das im Denken wirkende Vorstellen, das tätige Vorstellen im Modus des Vorgestelltwerdens, sich erkennen, müsste das Denken sein eigenes Tun einholen. Das ist aber nicht möglich. Sobald das Wissen und Erkennen sich vollzieht, erstellt es zwar einen Erkenntnis- und Handlungszusammenhang, aber das eigene Tun dieses Vorstellens und Erkennens erkennt es nicht.

Das oben, bis jetzt erst kurz vorgestellte apriorische Vorwissen, ist Bedingung der Möglichkeit schematisierenden Wissens und Denkens, kommt aber selbst nicht zur begrifflichen Erkenntnis. Sicher, der Gedanke könnte sich in einer ausdrücklichen Reflexion auf dieses schematisierende Denken und Fassen des Gedankens besinnen, aber tut er es, so liegt dann ebenfalls diese seine Tätigkeit, die den Gedanken trägt, im Vollzug dieses neuen Denkens und erreicht nicht das zuvor gesuchte schematisierende Denken und Fassen des Gedankens.

Der Erkenntniszusammenhang, der im Denken für ein Handeln und Vorstellen hergestellt wird, wird durch Gründe beschrieben und gedacht. Der letztlich zureichende Grund kann aber nicht willkürlich aus-gedacht werden, sondern kann und soll im Was des im Schweben der Einbildungskraft zurückkommende Denken  begründet und gerechtfertigt eingesehen werden – falls nicht vorschnell das Philosophieren abgebrochen und durch Machtentscheid eine realistische oder idealistische Begründung eingeschoben werden soll. Blind wird dann ein „Grund“ vorausgesetzt.

Das Vorstellen der Einbildungskraft und das erneute Vorstellen im Denken der Gründe unterscheiden sich, sie kommen aber beide darin überein, dass sie nur Gedachtes eines schematisierenden Wissens sind, das im apriorischen Vorwissen seinen disjunktiven Ursprung hat. Das Denken holt sein eigenes Vorstellen nicht ein, und umgekehrt, das Vorstellen (der lebendige Tatcharakter des Schwebens der Einbildungskraft) geht im Denken nicht (ganz) auf. 4

3. 6) Methodisch möchte ich nochmals bemerken, dass die von Fichte folgenden dialektischen Gegensätze von apriorischem und bedingtem Wissen zwar als sich ausschließende formuliert sind, aber konträr interpretiert werden. Die Vereinigung gegensätzlicher Aussagen geschieht im Bewusstsein, nicht materiell, in der Realität. Es tut sich ein doppelter Gegensatz auf: a) Ich und Nicht-Ich sind gegensätzlich gesetzt, aber ihr  Gegensatz rührt b) von ihrem gedanklichen Gesetztsein im Ich und durch das Ich her und kann und muss deshalb durch ideell einschiebende Synthesen gelöst werden.5

Es kommt zu einem dialektischen Verlauf der folgenden  „Fünf Vorlesungen“: Das Setzen des apriorischen Wissen bedingt das Setzen des anderen, entgegengesetzten Wissens, ohne dieses gänzlich aufzuheben, wodurch sich eine praktische Möglichkeit des Strebens und der Freiheit und der wechselseitigen Vereinigung von apriorischem und bedingten Wissen auftut.

Das Entgegensetzen wird damit nicht nur bezogen a) auf das Setzen überhaupt, sondern auch auf das b) Setzen eines vorhergehenden, schematisierenden Wissens im identischen Bewusstseins. Es kommt zu einem geschichtlichen Denken.

3. 7) Untergeordnetes, sekundäres Reflexionswissen und apriorisches Vorwissen bedingen sich in dieser Sicht des konträren Gegensatzes, insofern beide zu notwendigen Schlussfolgerungen einer Aufgabe führen: Das Soll-Sein des apriorischen Wissen soll sichtbar und existierend gesetzt werden, aber es kann nur sichtbar und existierend gesetzt werden, insofern das davon abgeleitete Wissen analytisch-synthetisch erkannt und gesetzt ist. 6

Das Wissen ist praktisch heißt; es wird durch daselbe ein Handeln gefordert, und vorgezeichnet. So gewiß dieses Handeln nun nur gefordert wird, ist es nicht, indem es gefordert wird, und eben so wenig ist dasjenige, was durch daselbe wenn es wäre, hervorgebracht werden würde. Ein praktisches Wissen ist drum ein solches, dem indem es selbst ist, sein Gegenstand nicht entspricht, und dem überhaupt kein Gegenstand entspricht, das drum auch durch keinen Gegenstand bestimmt, noch ein Abbild irgend eines solchen ist und so ein reines, durch sich selbst also gestaltetes Wissen, Abdruk lediglich seiner selbst, nicht eines andern, ein a priorisches Wissen, wie man unter anderm diesen Begriff ausgedrükt hat.“ (ebd. S 5)

3. 8) Es geht um ein Wissen, das sich der Gelehrte aneignen soll, das „praktisch“ in einem besonderen Sinne ist, nämlich eine Disjunktionseinheit aufzeigt zwischen einem ideellen Gefordertsein und einer realen Wirksamkeit im sinnlichen Wissen. M. a. W., es geht um zwei Arten von Wissen, einem Nachbild des Wissens, wie es durch die Sinnesorgane gebildet wird, und einem Vor-Bild des Wissens, wie es im apriorischen Vorwissen und in den Ideen liegt. Beide Arten sind nicht zu trennen und haben ihre jeweils spezifische Funktion und Berechtigung. Hier soll (für die Gelehrten und Lehrer) der Zusammenhang eingesehen und als tatbegründendes Wissen (als praktisches Wissen) speziell eingesehen werden.

(…) Du willst machen – doch wohl nicht dasjenige, was da ist; denn in diesem Falle würdest du in der That nicht machen wollen, sondern alles lassen, so wie es eben ist, also du willst machen dasjenige, was nicht ist. Doch willst du machen mit Bewußtseyn, und nach einem Begriffe, dessen was du machen willst; nach einem Vorbilde für ein Seyn, welches Seyn indem du an das Machen gehst, durchaus nicht ist, und welches seyn wird erst sodann, wenn dein Machen vollendet seyn wird.“ (ebd., S 6)

3. 9) FICHTE nennt das apriorische Vorwissen und die Idee davon jetzt „Gesicht“.

Ein praktisches Wissen ist ein durch sich selbst bestimmtes, also ein bloßes Gesicht, wie die deutsche Sprache das griechische Wort Idee treflich ausdrükt, ein solches, das selbst deutlich sich ankündigt, und ausspricht als dasjenige, dem die Realität durchaus nicht entspreche, das kein äusseres Daseyn habe, sondern bloß ein inneres, und das mit keinem außer sich, sondern nur mit sich selbst übereinstimme: – ein Gesicht aus der Welt, die durchaus nicht da ist, der übersinnlichen, und geistigen Welt, die aber durch unser Handeln wirklich werden, und in den Umkreis der Sinnenwelt eingeführt werden soll.“( ebd. S 6)

Dieses apriorische, ideenmäßige Wissen ist, wie gesagt, thatbegründendes“ Wissen (ebd., S 6), und nur dieses allein kann das für den Gelehrten anempfohlene Wissen sein. Es hat hohen Wert – und dafür kann er sogar sein ganzes Leben opfern. (vgl. ebd. S 7) In transzendentaler Dialektik und in bleibender Differenz zum gewöhnlichen Wissen kann Fichte dieses Wissen sogar als „Wesen der Gottheit“ beschreiben. (ebd, S 7)

(…) Das Wissen ist allerdings schlechthin durch sich selbst bestimmt, keinesweges durch Dinge außer ihm, deren bloßer Spiegel es wäre; und es ist in dieser seiner Absolutheit das Bild des innerlichen Seyns und Wesens der Gottheit. Gott allein ist das wahrhaft übersinnliche, und der eigentliche Gegenstand aller Gesichte. Als Bild Gottes, und dadurch, daß es dieses Bild ist, ist auch allein da das Wissen, und es wird lediglich durch das Erscheinen Gottes in ihm getragen. Dieses reine, durch sich selbst bestimmte apriorische Wissen ist auch das einige wahre Wissen, und wer nicht in dieses hineingekommen ist, der weiß in der That gar nicht, sondern bringt alle die Tage seines irdischen Lebens in tiefer Bewußtlosigkeit hin.“ (ebd. S 7)

3. 10) Der dialektische Unterscheidungs- und Beziehungsgrund zwischen apriorischem und, wenn ich so sagen will, dem anderen Part, dem  gewöhnlichen Wissen, ist eine Form des Satzes vom Grunde, ist Analyse und zugleich Synthese des Wirkens der Einbildungskraft mittels und durch das apriorische Vorwissen.

M. a. W., indem die Einbildungskraft die ideale und reale Reihe ihrer Produkte bildet und beschreibt, schematisiert sie zugleich eine Konstante der Vorstellbarkeit derselben, weil sie über dem Vorstellungszusammenhang schwebt. Ihr Schweben ist ein unwandelbarer Modus des Vorgestelltwerdens, ein Modus der reinen Bildlichkeit überhaupt.

Folgende Passage kann als dialektischer Gegensatz zwischen apriorischem und gewöhnlichem Wissen gelesen werden.

Woher aber kommt denn sodann das zweite Wissen, das sich als eine blosse Abbildung des ausser ihm vorhandenen Seyn darstellt, und das doch gleichwohl auch ist, neben jenem von uns behaupteten eigentlichen, und allein wahren Wissen? Folgendes ist die Antwort. Das Gesicht muß erscheinen, und ausdrüklich erblikt werden, eben als ein Gesicht, als ein durch sich selbst, und keineswegs durch ein fremdes, und außer ihm befindliches bestimmtes Wissen. Das aber kann es nur im Gegensatze mit einem andern Wissen, das da ausdrüklich erscheint als bestimmt durch ein fremdes ausser ihm befindliches Seyn.“ (ebd. S 8)


Eine Aufforderung ist eine materiale Sinnidee anderer Freiheit, eine Synthese von Sinnlichkeit und handelnder Selbsttätigkeit der Vernunft, angeschaut als andere Person.
Ich möchte nicht zu viel hineinlegen, aber sozusagen an erster Stelle der Vermittlung des apriorischen Wissens setzt hier Fichte das  Wort  „Gesicht“ wohl bewusst, weil es sowohl der platonische Gedanken des ideellen Wissens, der „idea“, zum Ausdruck kommen soll, als auch das reale Antlitz eines Anderen.
Zwecks freier Selbstbestimmung muss die ideelle Denkbarkeit von Freiheit konkret und zuerst von Angesicht zu Angesicht, von Person zu Person, vermittelt werden.
7

Das apriorische Vorwissen ist eine unerschöpfliche Quelle intelligibler Wert- und Sinnanschauungen, aus der intelligierend das weitere Reflexionswissen der Natur, der Gesellschaft, der Moralität, der Religion, und, wenn man noch unterscheiden will, der Geschichte, seine Kraft  schöpft.


Fichte stellt hier eine große Synthesis zweier Welten her:
„(…) Und so ist denn dieses ganze Gebiet des Wissens, und die Sinnenwelt, die in dem selben, und als Darstellung desselben erscheint, gar nichts anderes, denn das Mittel der Erkennbarkeit der ersten, und wahren Welt, als solcher, im Gegensatze mit einer andern, nicht wahren, und nicht in der That daseyenden Welt: sie, die Sinnenwelt, ist ein Bild, das durchaus nichts weiter bedeutet, und gar keinen andern Zwek hat, als damit es zum einzigen wahren Bilde, das einen Gehalt hat, zum Bilde Gottes im Gesichte, komme.“ (ebd. S 8)

3. 11) Warum soll das Gesicht Gottes, die übersinnliche Welt, in der sichtbaren Welt dargestellt werden?

Das Gesicht ist Bild Gottes, sagte ich; und das sinnliche Wissen von einer gegebnen Welt ist bloß dazu da, damit das erstere als solches zu erscheinen vermöge. Aber, eine zweite Frage, wie tritt denn sodann zu diesem in sich selbst vollendeten Gesichte das ihm an sich ganz fremde Soll, die Beziehung auf That, die Anfoderung hinzu, daß es ausgedrükt und dargestellt werden solle in der Sinnenwelt, welche Sinnenwelt wir soeben begriffen haben, als blosses Mittel der Erkennbarkeit der übersinnlichen Welt.“ (ebd., S 8)

Die Antwort ist wiederum eine nähere Explikation des Schwebens der Einbildungskraft, die im Setzen der Gegensätze eine ideale und reale Reihe im Verstande und in der Zeitbestimmung (und Raumbestimmung) entwirft.

Die Form der Vorstellung bezieht sich notwendig immer auf einen materialen, qualitativen Gehalt des Wissens – sowie KANT auf dem Prinzip der Erfahrung bestand in der Bestimmung der transzendentalen Erkenntnisart -, weil gerade erst an diesem Gehalt (an der Hemmung oder am interpersonalen Aufruf) der Setzungs- und Seinsgrund des Bewusstseins sich verzeitet und versinnlicht.

Der Unterschied zwischen apriorischem und gewöhnlichem Wissen ist thetisch unendlich gesetzt, zum Unendlichen gibt es aber kein Verhältnis, also kann er nur so gesetzt sein, dass das thetische Setzen zugleich ein synthetisches Setzen ist, mithin ein unendlich-endliches Setzen in einem. Im dialektischen Verfahren ist das möglich, dass der Setzungsgrund des ausgeschlossenen apriorischen Wissens zugleich anschaulich das Gegenteil dieses absolut unwandelbaren Setzungsgrundes setzt, ein endliches und gewöhnliches Wissen – und es entsteht der Begriff eines sonst unbegreiflichen „Unendlichen“, d. h. eines potentiell Unendlichen (nicht aktual Unendlichen).

Das Licht dieser übergehenden Erkenntnis von einer potentiellen Unendlichkeit zu einer endlichen Größe des Wissens ist der übergehende Wille, der vom apriorischen Wissen übergeht zu einem sinnlichen Willen und so sein Licht der Bestimmung (des Wissens) und des Zweckes mitnimmt – mittels Empfindungsform der Zeit und des Raumes. Die Zeit ist eine Form der Empfindung und der apriorischen Selbstanschauung des Wollens im Übergehen.8

Fichte hat dieses in einer zeitliche Erscheinungsweise übergehende Sollen und Wollen von Anfang an in der Begrifflichkeit des Bildens beschrieben.9  Hier wird dieses Bilden spezifiziert auf die  zeitliche Ebene hin ausgelegt,  weil es Fichte im Rahmen dieses Vortrages und dieses Themas ausdrücklich auf das „zukünftige“ Bild und auf ein Orientierungswissen ankommt. (Im Rahmen eines naturwissenschaftlichen Vortrages müsste das Bildsein und Bilden wohl anders dargestellt werden.)  

Die Beantwortung dieser Frage liefert folgendes. Jenes Erscheinen Gottes im Gesichte wird, (nach einem hier nicht anzugebenden Gesetze,) ein unendliches. Es tritt drum niemals in der Zeit ein Gottes unmittelbares Bildnis, sondern immer nur ein Bild von seinem zukünftigen Bilde, welches wiederum nur ein Bild ist von dem jedesmal zukünftigen Bilde, und so ins unendliche fort; das eigentliche Urbild aber wird niemals wirklich, sondern liegt über aller Zeit, als ewig unsichtbarer Grund und Gesez, und Musterbild des unendlichen Fortbildens in der Zeit.“ (ebd, S 9)

Das ausdrücklich erwähnte „hier nicht anzugebende Gesetz“ ist das in der Selbstanschauung des Handelns und Wissens gewonnene Sich-Bilden,  das intuitive und intelligierende Wissen, das sich reflexartig und in reflexiver Form des Bildens disjungiert. Da dieses Wissen und Bilden ausdrücklich auf den Disjunktionspunkt der Sich-Erscheinung des Absoluten zurückverweist, auf eine wesentliche Einheit, ist die lebendige Icheinheit in einem unwandelbaren Modus des Vorgestelltwerdens auch eine qualitative, materiale Icheinheit und Wertfülle. Das schematisierende Denken und Wissen nimmt überzeitlich auf diese wesentliche Einheit Bezug, möchte es sich nicht selbst aufheben. Ipso facto erzeugt es aber damit eine Zeit (und einen Raum) und eine aus der Wertfülle entspringende Zukunft. Die wesentliche Einheit, hier tout court als „Bild Gottes“ bezeichnet, kann dabei nicht selbst im schematisierenden Denken vollständig erkannt und in die Zeit hereingeholt werden, weil das Tun, wie gesagt, das Denken überschreitet.

Anders gesagt: Die angestrebte vernünftige Durchdringung der Wirklichkeit im Sinne eines individuellen Auftrags und im Sinne einer gemeinschaftlichen sittlichen Idee steht unter dem Gesetz des Denkens. „Die „göttliche Idee“ tritt so, wenn ich so sagen will, nicht selber in die Sinnenwelt ein, sondern immer nur ein Bild von ihr und gerät so unter die Gesetze der Bedingtheit. (Etwas anderes ist es allerdings, eine positive Offenbarung Gottes zu denken.)

Die qualitative, materiale Wertfülle fließt in das schematisierende Denken ein – im Licht des übergehenden Willens. Dieser Wille ist und bleibt frei, gerade weil er in seinem Wissen und Wollen a priori auf einen durch sich selbst bestimmten Willen Gottes, auf eine reine, unwandelbare, materiale Wertfülle Bezug nimmt. Wäre der Wille dabei nicht frei, wäre der Erkenntnisgrund der Erstellung eines zureichenden, gewissenhaften Erklärungsgrundes praktisch abgeschlossen und nicht mehr frei wählbar.  Es käme zu einem System eines Voluntarismus oder intelligiblen Fatalismus oder zu einem absolut skeptischen System.   Hingegen im Modus unwandelbaren Vorgestelltwerdens, vermittelt durch die mannigfaltigen Hemmungen/Aufrufe der gebundenen Einbildungskraft, kann die spontan wirkende Vorstellungskraft nochmals frei im Willen und durch den Willen nach-schematisieren und nach-bilden und frei und schöpferisch bilden. Die Wahrheit ist dann erkennbar, wenn sie  im Bilde und als Bild dargestellt und realisiert werden kann.

Deshalb jetzt die Aussage: das Bild Gottes, als Hypothese formuliert, geht nicht determinativ in das Schweben der Einbildungskraft ein, weil dann das freie und zugleich gebundene Schweben zu Ende wäre. Das Bild Gottes bleibt nur „Bilde von seinem zukünftigen Bilde, welches wiederum nur ein Bild ist von dem jedesmal zukünftigen Bildes, und so ins unendliche fort;“ (ebd. S 9)

Es ist dies ein schwieriger Gedanke: Eine zeitlose Reflexionsgesetzlichkeit in zeitliche Realisierungsschritte zu verwandeln. Oberflächlich gesehen könnte das als Aporie angesehen werden: Ich muss einerseits das zeitlose „Bild Gottes“ oder, neutraler formuliert, ein Orientierungswissen im Bilden und Schweben der Einbildungskraft voraussetzen, kann es aber nicht so voraussetzen, dass es jemals endlich in der Zeit und in zeitlichen Schritten realisiert werden kann. Die zeitlose Idee soll zeitlich wahrnehmbar sein, aber in der Zeit selbst nicht vollendet werden können, denn gerade die potentiellen Unendlichkeit und der absolute Geltungsgrund ermöglichen das Schweben und die Vermittlung der Einbildungskraft zu Bedingungen der Freiheit. 10

3. 12) Das Bild generell ist Verobjektivierung und Verzeitung eines schematisierenden und reflexiven Bildens. Das nachvollziehende und schematisierende Denken ahmt das Schweben der Einbildungskraft nach und bestimmt parallel die ideale wie reale Reihe des Schwebens d. h. die sinnliche wie intelligible Welt. Das Mögliche ist das Denkbare – und beginnt damit, dass von jeder Empfindung auch das Gegenteil gedacht werden könne. Das Denkbare wird dabei in den Horizont des unendlich Vorstellbaren gestellt. Die Anschauungsformen (oder„Formen der Empfindbarkeit“, EIGNE MEDITATIONEN, GA II, 3, 130) werden als zeitliche und räumliche Verarbeitung des Vorgestellten, die begrifflichen Kategorien als verstandliche Fixierungen, die Reflexionsformen der Urteilskraft und Reflexionsideen als weitere Bewältigungsversuche verstanden, eine Hemmung oder einen interpersonalen Aufruf zu verarbeiten.

Das reflexive Bilden als solches gesehen, als eigenen Form, eröffnet immer notwendig eine ausschließende Totalität und Differenz eines unendlichen Bildens im Hinblick auf das reine „Bild Gottes“ hin. Dieses Bilden kann an kein zeitliches und materielles Ende kommen, sozusagen  das reine „Bild Gottes“  zeitlich oder materiell erreichen, weil sonst das Bilden im unwandelbaren Modus des Vorgestelltwerdens sich selbst aufgeben würde. Es bleibt nur eine, theologisch gesprochen, apophatische, Gott mittels Prädikate absprechende Rede, d. h. verneinende Rede, übrig.?

Da die Gegensätze in ihrer ausschließenden Totalität im Bewusstsein gesetzt sind, mithin eine Begrenzung zwischen ihnen auch möglich ist, mithin eine unbegreifliche Begreifbarkeit des „Bildes Gottes“ gesehen wird, ist die jetzt Frage, wie das transzendierende Bilden und das „Bild Gottes“ in einem niederen Begriffe trotzdem eingesehen werden können, wie ja ebenfalls offensichtlich ist. Eine apophatische Rede von Gott muss deshalb zugleich ergänzt werden durch eine kataphatische Rede von Gott.  Gerade dies verlangt ja FICHTE von der Gemeinde der Gelehrten in seinem ganzen Pathos und seiner ausgezeichneten Rhetorik. Die Gelehrten sollen eine geschaute, apriorische Idee in Einklang bringen mit dem „gewöhnlichen“ Wissen.

Fichte wählt dafür den Begriff des „Gesichtes“, das sich unmittelbar an das Sinnliche anschließt: „Das Erscheinen Gottes im Wissen ist nicht irgend ein stehendes, und festes Bild, sondern ein unendliches Bilden. In diesem ewigen Strome erhalten nun die einzelnen Bilder, und in den Zeitmomenten gehaltene Gesichte ihren Geist aus Gott, ihre körperliche, und bildliche Gestaltung aber entlehnen sie aus der Sinnenwelt; keines weges als ob diese Gestalt in der lezten gegeben sey, welches dem vorhergehenden durchaus widerspricht, sondern daß sie unmittelbar an die Gegebne sich anschließt, und dieses, so wie sie es trift, im blossen Bilde weiter fort bildet. So müste man nemlich eine allererste Erscheinung des göttlichen Bildes sich denken.“ (ebd., S 9)

Das erkennende Denken, das einen Handlungs- oder Sinnzusammenhang erstellt, kann den ganzen Wert und den vollständigen Sinn der ihr – durch das Schweben der Einbildungskraft – zugespielten Idee auf einmal nicht erfassen, weder theoretisch noch praktisch, aber sukzessive kann durch Verstand die im Bilden gebildete Idee in ihrer Bedeutung besser erkannt und durchdrungen werden. Das ergibt den Begriff einer Erfahrung in den hinlänglich bekannten Anschauungsformen der Zeit und des Raumes und der Empfindungen.

Im Detail einer einzelnen Hemmung oder eines einzelnen Aufrufs muss das Erkennen auf die mannigfaltige Gebundenheit der Einbildungskraft Bezug nehmen
a) auf den
zeitlichen Zusammenhang eines Gewordenseins der gedachten Vorstellung, b) auf den räumlichen Zusammenhang einer Teilbarkeit und Erstreckung,
c) auf den
affektiven Zusammenhang eines getriebenen Handelns,
d) und natürlich auf das
apriorische Vorwissen und Ideenwissen selber.

Das erkenntnismäßige Bilden schließt sich „(…) unmittelbar an die Gegebne (Gestalt) (an) (…) , und (bildet) dieses, so wie sie es trift, im blossen Bilde weiter fort (…) . So müste man nemlich eine allererste Erscheinung des göttlichen Bildes sich denken.“ (ebd., S 9)

3. 13) Das Denken ist ein Vorstellen innerhalb des Vorstellens. Es prüft eine in der Einbildungskraft und geschichtlichen Erfahrung auftretende Hemmung/Aufruf, vergleicht sie/ihn untereinander mit anderen Hemmungen/Aufrufen und vergleicht sie/ihn schließlich mit einer antizipierten, apriorisch gewussten, Sinn- und Werterfahrung. Das ergibt neben der formalen Differenz und Uneinholbarkeit des Bildes Gottes, man könnte sagen, ersten Differenz, ebenso eine zweite, materiale Differenz zum höchsten Wert- und Sinnwissen. Der Gedanke (das Denken) kann den Wert/den Sinn einer gemachten Erfahrung nicht schon a priori wissen. Erst sukzessive und diskursive, d. h. zeitlich und geschichtlich, erkennt das Denken in den Empfindungs- und Verstandes- und Urteilsformen den spezifischen Wert und Sinn einer Hemmung oder eines interpersonalen Aufrufes.11

M. a. W., den Wert und den Sinn einer einzelnen Hemmung bzw. eines Aufrufes (einer gemachten Erfahrung) kann das reflexive Wissen nur nach und nach erkennen, wiewohl es in seinem ganzen Erkenntniszusammenhang aus der unerschöpflichen Fülle des Wertes und der Anschauung des apriorischen Wissens schöpft, also implizit eine Sinnidee schon hat, sie aber nur geschichtlich finden kann. So ist es logisch: Wenn das reflexive Wissen oder Denken nicht sofort, intuitiv, ohne Vergleich, den ganzen Sinn oder den Wert einer einzelnen Hemmung/eines Aufrufes erkennen kann, mithin auf eine Vermittlung von induktiver, aposteriorischer Erfahrung angewiesen ist, gewinnt die Zeit und Geschichte in der Erkenntnis und Beurteilung des Sinnlichen, wie in der Darstellung des Übersinnlichen, eine große Bedeutung.

3. 14) Im theoretischen Vorstellen überhaupt kommt eine Synthese von apriorischem Vorwissen und gedachter Vorstellung immer zustande; der Vorstellungstrieb wird immer befriedigt.
Im praktischen Fühlen und Tun strebt der Trieb ebenfalls auf eine Kausalität hin, kann sie aber dort nicht bewirken, sofern die Bedingung der Erfüllung nicht eintritt.

Ich verweise hier auf die Gesamtdarstellung Fichtes bei J. Widmann: „Der Lehrer kann nur „Gleichnisse“ für das geben, was der einzelne zu tun hat und erblicken wird, wenn er sich seine innersten Vorbilder sichtbar macht.12

Aus der zweiten, materialen Differenz folgt aber auch, dass selbst der Gelehrte weder den theoretischen noch den praktischen, tatbegründenden Wissenszusammenhang in seiner ganzen ideellen Wert- und Sinnerfahrung jemals besitzen wird können. Der Lehrer als auch der Schüler können nur gleicherweise ihr Auffassungsvermögen für die „Gesichte“ schulen. „Jeder Mensch muss letztlich die innere Fähigkeit ausbilden, seine vernunftgegebenen Orientierungsbilder in sich zu entdecken – denn „was jedesmal eines jeden Pflicht sei, darüber ist jeder an sein eigenes Bewusstsein gewiesen“. 13 Der Gelehrte hat es zudem über das individuelle sittliche Handeln hinaus mit der Verantwortung für eine überindividuelle Menschheitsgeschichte zu tun, und muss die notwendigen Zukunftsziele für die ganze Menschheit anstreben.

3. 15) Wie gesagt, siehe oben Punkt 1, erste zeitliche Charakterisierungen und Periodisierungen der Freiheitsverhältnisse finden sich schon in den ersten Schriften Fichtes, aber ab der WL 1801/02 mit ihrem „Weltplan“ und „schöpferischen Tun“ ist das Geschichtsdenken immer wichtiger geworden. Die scharfe Antithetik von göttlichem Sein und nichtigem Reflexionswissen ist aufgegeben, vielmehr teilt das göttliche Sein seine Wahrheit den Ideen mit. Da es im Verlauf der unendlichen Geschichte aber zu einer unableitbaren Vielfalt solcher Ideen gekommen ist bzw. kommt, gibt es auch eine wahre Mannigfaltigkeit der Welt der Ideen. Die in den Ideen einsichtige Mittelwelt ist zudem und sogar primär interpersonal vermitteltes und mediales, geschichtliches Produkt – und die in der sinnlichen Wahrnehmung analoge und verarbeitete Anschaulichkeit der Ideen, ihre konkrete Gestalt im Bewusstsein, ist bis zu einem gewissen Grad ebenfalls zeitlich und geschichtlich vermittelt.
Die Idee in sich selbst bleibt ein unsichtbar wirkendes Prinzip, das aber in seinem Effekt wahrnehmbar ist.
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3. 16) Es folgen jetzt noch sehr interessante Details zum Begriff der Entwicklung,. Die Sicht einer transzendental-begrifflichen Durchdringung der Zeit und Geschichte ist uns vertraut aus der Hl. Schrift:  Die „Gesichte“ finden wir dort bei den Propheten und in mannigfaltiger allegorischer und inspirierter Schriftauslegung und einem göttlichen „Weltplan“.

Fichte beschreibt das in relativ kurzer, in seiner ihm eigenen, pathetischen Form:

So sind Sinnenwelt, und übersinnliche durchaus vereinigt, und unabtrennbar, und bilden nur in dieser nie zu trennenden Vereinigung ein einiges ganzes, und wahres Wissen. Die übersinnliche Welt macht ins unendliche fort sich sichtbar in neuen, und immer neuen Gestalten; und es muß drum ins unendliche fort eine Sinnenwelt ihr gegenüber stehen, und dauern, um jene zu deuten. Diese Sinnenwelt muß ferner ins unendliche fort gebildet werden, nach dem wirklich erschienenen, und im Gesichte herausgetretenen Bilde Gottes; denn nur unter dieser Bedingung, und nur inwiefern der Sinnenwelt schon das Gepräge aufgedrükt ist der bis jetzt erschienenen übersinnlichen Welt, tritt jene heraus aus ihrer ewigen Unsichtbarkeit in einer neuen sichtlichen Gestalt, und tritt ein nur in ein solches Auge, das an dem Anblike der erneuten Gestalt der Sinnenwelt schon verklärt ist.“ (ebd., S 10)

3. 17) Ein fortlaufendes Anknüpfen an die übersinnliche Welt Gottes im reflexartigen und reflexiven Bilden – wie es in den parallel zu den „Fünf Vorlesungen“ vorgetragenen Wln (1810; 1811; 1812)  ähnlich beschrieben wird – kann geschichtlich-praktisch wirksam werden – mittels der Kunst und Erziehung durch die „Gesichte“.
Die übersinnliche Welt wird „sichtbar“ in immer „neuen Gestalten“ und umgekehrt soll die Sinnenwelt ihr gegenüber „stehen“ und „dauern, um jene zu deuten“.

Das göttliche Bild ist an sich ewig fort schöpferisch aus sich selbst; aber es kann dies in der Wirklichkeit seyn nur unter der Bedingung, daß nach ihm ewig fortgeschaffen werde die Welt. Und so behält denn die Sinnenwelt, und trägt ewig fort den Charakter, den wir ihr oben beigelegt haben, daß sie sey lediglich die Bedingung der Sichtbarkeit der übersinnlichen Welt. Oben verstanden wir dies so: nur dadurch sey eine übersinnliche Welt überhaupt, in diesem ihrem sinnlichen Charakter sichtbar; jezt verstehen wir es so: nur dadurch sey in diesem ihrem Charakter sie als eine ewig sich fort entwikelnde sichtbar.(ebd. S 10)

Es wird durch diese Situierung der theoretischen und praktischen Handlung des Schwebens der Einbildungskraft in der Sinnlichkeit eine sich entwickelnde Zeitanschauung (und Raumanschauung) in ihren rechtfertigenden Gründen und in ihrer Sinndeutung möglich denkbar!

Es ist eine starke transzendentale Idee: Die durch das apriorische Vorwissen bestimmte sinnliche Welt ist in diesem Zusammenhang der „Gesichte“ und der sein sollenden Übereinstimmung von sinnlicher und übersinnlicher Welt eine werdende „(…)eine ewig sich fort entwikelnde“ Welt entworfen, andernfalls eine Entwicklung gar nicht möglich gedacht werden könnte.

Der Gang einer Entwicklung, der Begriff einer Geschichte, der Begriff einer Nachhaltigkeit (oder ähnliche Zeitbegriffe), sie entstammen primär dem apriorischen Ideen-Wissen und werden übertragen auf die Sinnenwelt mit den darin eingelernten Begriffen, wodurch die gebundenen Formen der Einbildungskraft gedeutet werden.

Ein „evolutionäres“ Denken, als gäbe es in der Natur oder Gesellschaft an sich eine Entwicklung, ist nicht denkbar, denn erst durch „Gesichte“ wird mittels apriorischem Vorwissen eine sich entwickelnde Zeitreihe nach Erkenntnisgründen aufgebaut. Das Gewissen entscheidet über einen Handlungs- und Erkenntniszusammenhang, ob und wie zureichende Gründe beigebracht werden können, wie es im vorstellenden Wissen einer durch die Aufrufe und Hemmungen streng gebundenen Einbildungskraft zu einem Fortschritt (einer Entwicklung) kommen kann – oder ob es bloß stehende Erfahrung gibt. Entscheidend ist das übergeordnete, deduktive Prinzip des Solls:

Und so, daß an die jedesmalige Erscheinung des göttlichen Bildes in einem ZeitMomente, welche als einzelne, und abgerißne Erscheinung sich freilich klar ausspricht, sich anfügt die Anfoderung, daß diese Erscheinung dargestellt werden solle in der Welt, weil die gegenwärtige Erscheinung treibt nach der folgenden, und diese fordert, diese folgende aber nicht möglich ist, ohne Darstellung der erstern; und drum zuförderst diese Darstellung gefordert wird. Das Soll ist eigentlich die Forderung der ewigen steten Fortentwikhung des göttlichen Bildes; und nur dadurch, daß diese nicht möglich ist, ohne die Darstellung des schon erschienenen in der Sinnenwelt, verwandelt sich dieses Soll in die Forderung dieser Darstellung.“ (ebd. S 10.11)

Eine „Entwicklung“ außerhalb des Vorstellens des Bewusstseins zu denken, wie es die kognitive Evolutionstheorie unserer Tage tut, ist somit nur eine faktische, verobjektivierte Sicht von Zeit und Geschichte. Sie bedarf m. E. dringend einer transzendentalen Kritik, wie diese Theorie ihren Entwicklungsbegriff begründet und herleitet. (Vielleicht hätte Fichte das Vermittlungselement des Gewissens noch deutlicher ausführen sollen, wodurch die Handlungs- und Erscheinungswelt der vorstellenden Einbildungskraft erst zu einem objektivierten Entwicklungsbegriff ausgestaltet wird?)

M. a. W., ich finde es erkenntniskritisch höchst interessant: Der ganze Impetus eines Denkens von Fortschritt, die Vorstellung von Entwicklung in Natur und Kultur, ist bedingt durch eine Übertragung einer Idee in die interpersonale und sinnliche Welt hinein. An sich entwickelt sich in der Erscheinungswelt nichts, wie FICHTE öfter im naturphilosophischen Kontext äußerte (z. B. SL 1798), nur durch Übertragung des Werdens aus dem Ich kann ein Werden vorgestellt werden. Geht der pertinente Bestimmungsgrund eines übergehenden Wollens durch ein absolutes Soll verloren, in weiteren die Einschau in neue Ideen, geht sukzessive die zeitbildende und geschichtsbildende Kraft und die Vorstellung von Entwicklung verloren.

So werden die Gesichte einer übersinnlichen Welt praktisch, nicht als ob das durchaus in keiner Zeit mögliche Urbild Gottes an sich praktisch wäre, und irgend einmal dargestellt, und die Gottheit wiederholt werden sollte, sondern weil das in der Zeit mögliche bestimmte Bild selbst nur möglich ist, unter Bedingung des vorhergegangenen Handelns nach dem vorhergegangenen Bilde. Das Bild bleibt drum in alle Ewigkeit fort das lezte, und höchste; und die thatbegründende Kraft jedes einzelnen Bildes ist bloß das Mittel zum ewigen Bilde.“ (ebd. S 11)

3. 18) Die nächstfolgenden Seiten 11 – 16 der 1. Vorlesung kommentiere ich jetzt nicht mehr. Die Vorlesung ist wiederum eine starke Verteidigungsrede des apriorischen, übersinnlichen Wissens. Das reine, übersinnliche Wissen sich anzueignen und zu lehren, das soll allein Aufgabe und Inhalt eines wahren Gelehrten sein. Sehr feierlich nochmals das Ziel und die Aufgabe des Gelehrten:

Zu diesem selbstständigen Wissen nun muß der Gelehrte durch die Belehrung hindurch sich erhoben haben, wenn sein Wissen, und sein an das Wissen gesezte Leben irgend einen Werth haben soll. Hat er aber dazu sich erhoben und ist, wie dies niemals fehlen kann, dieses sein Wissen in ihm wirklich thätig und treibend geworden, so hat sein Leben Werth, und zwar den einzig möglichen Werth, den es überhaupt giebt, und geben kann. Denn dies eben, und dies allein ist der Zwek alles Daseyns, daß Gott verklärt werde, daß sein Bild immerfort in neuer Klarheit heraus trete in die sichtbare Welt aus seiner ewigen Unsichtbarkeit. Nur in dieser Verklärung Gottes rükt die Welt weiter, und alles eigentlich neue, was in derselben vorkommen kann, ist die Erscheinung des göttlichen Wesens in neuer Klarhheit; (…)“ (ebd. S 11, 12)

(c) Franz Strasser, 19. 11. 2019

1Vgl. K. Hammacher, Fichtes Weg zur Geschichte. Transzendentale Theorie und Praxis. Zugänge zu Fichte. Fichte-Studien, Supplementa, Amsterdam-Atlanta, 1996. S 194.

Die Anwendungsbedingungen des Wissens in den WLn und materialen Disziplinen zu bedenken war natürlich immer Hauptaufgabe. Die geschichtlichen Bedingungen des Erkennens und Wollens wurden aber sukzessive immer wichtiger.
Mit Verweis auf K. Hammacher gesagt: Eine Art erste zeitliche Charakterisierung und Periodisierung der Freiheitsverhältnisse findet sich a) in der Zeit des Atheismusstreites um 1799, weiters b) im 3. Buch der „Bestimmung des Menschen“ 1800, fortgesetzt c) in den GdgZ 1806 mit der Vorstellung von fünf Epochen, schließlich d) in der Hervorhebung und Bildung einer „geistigen Natur“ in den REDEN 1808, zuletzt e) hier in den BdG 1811 und mit besonderer Akzentuierung und Einteilung in „alte“ und „neue Welt“ in der „Staatslehre“ von 1813.

2Vgl. K. Hammacher, Fichtes Weg zur Geschichte. Siehe dort den Abschnitt „Die Stadien der Entfaltung der Geschichte“, ebd. S 185 – 193.

3 Die ganze Vorlesungsreihe BdG-1811 könnte vielleicht gut und richtig ebenso transzendentale Hermeneutik genannt werden?, weil reflexiv die Wissensbedingungen im intuierenden wie intelligierenden Wissen zu einem zeitlichen und geschichtlichen Verstehensprozess übergehen – bei vorausgesetztem, unwandelbaren, absoluten Geltungsgrund.

4„Der Gedanke ist Tat, aber er weiß nicht darum“. K. Hammacher, Das Fundament der Ethik: Zur Bestimmung des Gewissens. In: Philosophisches Jahrbuch, Nr. 76, 245.

5 Zur näheren Herleitung der fichteschen Dialektik siehe Klaus Hammacher, Problemgeschichtliche und systematische Analyse von Fichtes Dialektik. In: Der transzendentale Gedanke, Hamburg 1981, 388 ff.

6Deshalb wird man bei Fichte keine Abwertung des sinnlichen oder ästhetischen Wissens finden, weil die Darstellung des übersinnlichen Wissens gerade im sinnlichen Wissen zum Ausdruck kommen kann. Nur eine einseitige Sicht eines bloß aufgesammelten, empirischen Wissens hätte keinen Sinn.

7Man lese hier den 2. Teil der WL 1801/02: Dort wird das System des Bildens auf eine solche Weise parallel entfaltet, dass im System des Bildens die materielle Welt zugleich mit der Geisterwelt (dem Personenreich) abgeleitet wird. „Wir werden […] von der Einheit dieser beiden Welten erst zu ihrer Unterscheidung hindurchgehen, u. nachweisen […], daß die Materie nothwendig geistig, der Geist nothwendig materiell [d. i. auf „Materie“ bezogen sey“, sagt Fichte am Ende des zweiten Paragraphen.

8Den Raum als Verobjektivierung des Wissens lasse ich hier weg; die erste intellektuelle Anschauung des Wollens als Wirksamkeit ergibt die Ausdehnung des Begriffes „Leib“. Aber man sieht auch hier die Priorität des interpersonalen Denkens.

9Siehe dazu MAREK J. SIEMEK, Bild und Bildlichkeit als Hauptbegriffe der transzendentalen Epistemologie Fichtes. In: Erich Fuchs (Hrsg.), Der transzendental-philosophische Zugang zur Wirklichkeit, Stuttgart 2001, 41-63. M. J. Siemek unterscheidet drei Stufen: der Begriff des Bildes, das Bild als Begriff und die Bildlichkeit selbst. Das Wissen als Bild erkennt sich auf dieser epistemologischen Stufe in seiner sinnstiftenden und sinnverstehenden Bildlichkeit, die sich selbst bildet. Die epistemische Relation wird eine epistemologische, das Wissen wird zum Bild des Bildes.

10Das könnte zu einer fruchtbaren Synthese führen des Denkens einer positiven Offenbarung, die in ihrem Sinne vollendet und vollkommen ist, aber als absolute Vernunft, die Person geworden ist, bleibt der Freiheit eine unendliche Vermittlung erhalten.

11Der Begriff des „Gewissens“ könnte hier gut herausgearbeitet werden. Ich möchte dazu verweisen auf einen Artikel von K. Hammacher, der das Gewissen als diese Instanz des tatbegründenden Wissens einführt, die den Wechsel eines Handlungs- und Erkenntniszusammenhangs zusammenhält und lenkt. Er  definiert das Gewissen als höchste Form des Wissens, weil es auf die sinnlichen und intelligiblen Produkte der Einbildungskraft Bezug nimmt und in und aus einer höchsten Instanz des Wissens und der Wertfülle die Zusammenhänge des Handelns und Erkennens versteht und beurteilt. K. Hammacher, Das Fundament der Ethik: Zur Bestimmung des Gewissens. In: Philosophisches Jahrbuch, Nr. 76, S. 255: „Hier in dieser streng gebundenen Einbildungskraft liegt also die eigentliche Sphäre für die intellektuelle Verantwortung bei ihrer Erstellung der Gründe. Die Spannung wird hierbei immer größer mit der wachsenden Vielfalt der gesehenen Möglichkeiten und die Gewissenserfahrung genauer. (…).“

12J. Widmann, Johann Gottlieb Fichte, Berlin-NY 1982, S 210.

13J. Widmann, ebd. S 210.

14Vgl. dazu J. Widmann, ebd. S 210-213.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser