Schöpfungserzählung 1. Teil – oder die Metaphysik des Absoluten.

Schöpfungserzählung 1. Teil – oder die Metaphysik des Absoluten.

1) בראשית ברא אלהים את השמים ואת הארץ

Propyläen, München, Architekt Leo v. Klenze, 1862 fertiggestellt

bereschit bara elohim et haschamaijim weet haarez

2) ᾿Εν ἀρχῇ ἐποίησεν ὁ θεὸς τὸν οὐρανὸν καὶ τὴν γῆν.

3) In principio creavit Deus caelum et terram

Im Anfang schuf …….

1) Wollte man die Schöpfungserzählung Gen 1 literarkritisch beschreiben, so stößt man bald auf verschiedenste Klassifizierungen und  Meinungen: Ein spezifischer Schöpfungsmythos im Vergleich zu anderen Mythen des Vorderen Orients, ein liturgisches Lied, eine ätiologische Erklärung des Sabbats, eine Katechese u. a. m.  Historisch rede ich nach, wenn man den Exegeten glauben wollte, dass in krisenhaften Situation, vielleicht im babylonischen Exil (Beginn 586 v. Chr.) oder nach der Rückkehr nach Jerusalem, der Glaube an den befreienden Gott aus Ägypten und an den Bund Gottes am Sinai neu reflektiert und gefestigt werden musste,  und zwar in erkenntniskritischer, vernunfttheoretischer Weise, d. h.  in einer Weise, die von allen für alle zu jeder Zeit nachvollzogen werden konnte.
Mir geht es hier gerade um diesen vernunfttheoretischen Aspekt des Verstehens. In nicht mehr rein mythologischer Art wird der Glaube an den bisher bekannten Gott verkündet, sondern raum-, zeit-, völker-, kulturebergreifend, eben, vernunfttheoretisch wird der Glaube verkündet. 
Die historische Bedingung des Exils mag äußerer Anlass der Formulierungen gewesen sein, die innere Schau und Erkenntnis war einmalig und genial. (Ähnlich lesen sich Stellen in   Jesaja z. B. Jes 40, 20; 41, 20; 43,1. 5.7.10; 45, 12 u. a.)  
Vertrieben aus Jerusalem, fern auf fremder Erde, in Babylon,  ohne Tempelkult, ohne Priesterschaft, ohne Königtum, oder zurückkehrt  mit neuem Aufruf zum Glauben an den Einzigen, was gilt es jetzt noch zu behaupten und zu glauben? Der historischen Gründe nach mag es mehrere gegeben haben, auf jeden Fall fanden die Verfasser – man nimmt an aus Priesterkreisen – eine derartig scharfsinnige, vernunftkritische Neuformulierung des Glaubens, eine apriorische Erweiterung des Gottesbegriffes, dass dies zeitüberhoben nachvollzogen werden kann. 

Nur muss man m. E. die vernunftkritische, und ich möchte sagen, transzendental-kritische Leseart beibehalten und nicht in irgendeinen Fideismus oder Pantheismus oder Naturalismus verfallen, sonst bringt man den Text um seine ganze Kraft.

Eine hermeneutische und historisch-kritische Leseart schürft zwar manche schöne Erklärungen aus der Vergleichsliteratur zu Tage, doch die zeitüberhobene, erkenntniskritische Leseart ist die Grundlage aller Hermeneutik – und der möchte ich versuchsweise, eher suchend und probierend, nachgehen. 

Der Schöpfungsglaube wird von der Theologie zwar immer beschworen,  aber in philosophischen Termini tut  man sich relativ schwer damit. Eine ontologische Relationalität und Abhängigkeit der Schöpfung vom Schöpfer des Himmels und der Erde zu behaupten, das führt  leicht zu Widersprüchen, weil a) Gott damit selbst begrifflich relationiert und zu einer bloßen gedachten Realität herabgezogen würde, oder b) der Sinn des Geschaffenseins wird zu einer ständigen Determination und Vorbestimmung  z. B. bei Calvin. (Zur Relationalität siehe z. B. Thomas v. Aquin, Summa theologiae 1 q 13 a 7 c: „…aber in Gott gibt es nicht irgendeine reale Relation von ihm zu den Geschöpfen“.) 

Von der Ablehnung eines Schöpfungsglaubens durch den Naturalismus, Evolutionismus, Materialismus, Atheismus möchte ich gar nicht reden. Das ist ein vorzeitiger Abbruch der Diskussion. 

Ich bringe zum Einstieg des Denkens von Schöpfung und zwecks Benennung des Problems ein paar scharfsinnige Ablehnungen einer realistischen oder idealistisch vorgestellten Schöpfungswirklichkeit von Fichte: Aus „Anweisung zum seligen Leben“ (1806):

Aus Unkunde der im bisherigen von uns aufgestellten Lehre entsteht die Annahme einer Schöpfung; als der absolute Grundirrthum aller falschen Metaphysik und Religionslehre und insbesondere, als das Urprincip des Juden- und Heidenthums.“ (SW, Bd. V, S 479)

(…) nein, sagt Johannes: im Anfange, in demselben Anfange, wovon auch dort gesprochen wird, d.h. ursprünglich und vor aller Zeit, schuf Gott nicht, |und es bedurfte keiner Schöpfung, — sondern es — war schon; es war das Wort — und durch dieses erst sind alle Dinge gemacht. Im Anfange war das Wort, der Logos, im Urtexte; was auch hätte übersetzt werden können, die Vernunft, oder, wie im Buche der Weisheit beinahe derselbe Begriff bezeichnet wird, die Weisheit: (…)“ (ebd. S 479.480)

Eine zeitlich und räumlich vorgestellte Schöpfung verträgt sich mit dem unveränderlichen, ewigen, zeitlosen Sein Gottes nicht, weil sowohl der Begriff Gottes verendlicht würde, als auch die autonome Freiheit des Menschen infrage gestellt sein könnte durch die kreatürliche Abhängigkeit. Es kann kein endliches Sein neben dem absolut Seienden geben. Der Begriff Gottes selbst müsste in sich eine Unterscheidung erlauben, die sowohl die Transzendenz Gottes nicht relativiert, als auch das eigenständige Geschaffensein von Freiheit denken lässt. Wie kann eine solche subsistente Relation gedacht werden?

Der Text Gen 1 möge mich leiten, das Verhältnis eines zureichenden, göttlichen Grundes im Bewusstsein zu denken als eine Ursache, die ihren Grund außerhalb des Begründeten hat, welcher Grund aber Grund einer Folge ist, die im Aufgerufen- und Aufgefordertsein eingesehen werden kann. Also bedarf es doch einer Schöpfung! Die von Kant argumentierte Freiheit im unbedingten Sollen müsste als geschöpfliche Freiheit denkbar sein!? Ja, so möchte ich jetzt sagen, der Begriff der Schöpfung bekommt im transzendentalen Sinne sogar eine höchst relevante Bedeutung, was die ganze Struktur und das System des transzendentalen Wissens betrifft: Der Geltungsgrund des Absoluten ist gerade nicht eine bloße „regulative Idee“, wie Kant noch den Gottesbegriff postulierte, sondern konstitutive Idee, konstitutive Gnade in jeder Seele – nicht bloß aristotelische natura pura – und rechtfertigt sich aus sich, von sich und durch sich.

2) Wir sind zwar formal frei, diesen Geltungsgrund zu leugnen, die Wahrheit zwingt nicht, aber faktisch setzten wir ihn immer schon voraus und de jure lässt er sich nicht bezweifeln. Wir können keinen Rechtsgrund letztlich vorbringen, dieses Aus-Sich, Von-Sich, Durch-Sich zu bestreiten oder zu bezweifeln. Der Geltungsgrund ist absolutes und höchstes Prinzip, ist erste Ursache oder Schöpfungsgrund, ist „veracitas“ der Einheit von Denken und Sein (Descartes), ist ein „aliquid quo maius (oder gesteigert „melius) cogitare non potest“ (Anselm) – und kann nicht nicht gesetzt sein.

Im Unterschied zu den ontologischen Gottesbeweisen der Tradition, die objektivierend einen Gottesbegriff voraussetzen, liegt der Akzent des „ontologischen Gottesbeweises“ bei Fichte, um hier klar den transzendentalen Standpunkt anzustreben,  im aktualen Sehen. Das Sehen kann nicht geleugnet werden. Es ist „notwendiges Sehen“ mit der WL 1804/2, 27. Vortrag, gesprochen. Im Denken des Sehens ist das Sehen wirklich und existentiell vorausgesetzt. Die Schöpfung in einem zeitlich-endlichen Sinne ist nicht möglich denkbar, Schöpfung in einem transzendentalen Sinne des notwendigen Sehens hingegen ist notwendige Begründungs- und Rechtfertigungsfigur des Wissens – und gewinnt deshalb eine eminent wichtige, alle anderen möglichen Sehweisen des Wissens korrigierende, eigenständige Evidenz. Religion oder Vernunftoffenbarung ist ein notwendiges Denken – nicht billige Hypostasierung des Selbstbewusstseins (L. Feuerbach).  

Da es eine explizit transzendentalkritische Exegese noch nicht gibt, verlegen sich manche Exegeten auf historische Vergleiche und  sprachanalytische Unterscheidungen, als sollte die Historie oder die Redeform selbst, letzteres z. B. als naturwissenschaftlicher Bericht bei den Kreationisten oder als liturgische Rezitation und Gesang, oder als Mythos des existentiellen Selbstverständnisses,   von sich her die Erkenntnis und den Glauben an den ewigen und universalen Schöpfer- und Bundes-Gott vermitteln. Diese hochgelehrten, historischen Untersuchungen schürfen zwar diverse literarische  Vergleiche mit anderen  Schöpfungsmythen zutage, ebenso das spezifische Biblische und Herrliche dieser Geschichten – sei es in Gen 1 oder im 2. Schöpfungsbericht Gen 2 u. 3 –  letztbegründendes Kriterium der Gültigkeit von Gen 1 (oder aller Texte der Hl. Schrift) muss  aber m. E.  die apriorische Vernunftwahrheit selbst sein, d. h. inwiefern dieser Text auf seine transzendentale Konstitution  der Wahrheit hin nachvollziehbar und denkbar sein muss. (Am ehesten scheint mir unter den vielen textkritischen und literarkritischen, humanwissenschaftliche und  hermeneutischen Zugängen zur Hl. Schrift die Form-Kritik oder Motiv-Kritik des Verfassers  das transzendental-kritische Denken und Lesen zu erreichen.)

3) Meine Herangehensweise: Wie sind die Aussagen in Gen 1 im geistigen Handeln des Menschen selbst begründbar, also auf ihre Bedingungen der Wissbarkeit  hin analysierbar, sodass sie universal verstehbar und zeitlos gültig und wahr sein können? Dies bedingt weiter, dass so ein berühmter Text nicht zufällige Zeit-Erscheinung sein kann, der auf seine überlieferte Autorität hin historisch und blind hingenommen werden muss, sondern eine apriorische Form der Vernunft  darstellt, die durch Hagiographen geschaut bzw. geglaubt worden ist, und jetzt jeweils aktualisiert nachvollzogen werden kann. Geschichte ist nicht Aneinanderreihung von historischen Data oder Anhäufung von unendlich vielen komparatistischen Vergleichen, Sammlung zufälliger Ereignisse, sondern immanente Produktionsform der Vernunft, gerade deshalb auch Erscheinungsform aus einem trans-immanenten Prinzip der Erscheinbarkeit Gottes überhaupt.
Um hier nicht in einen Pantheismus zu verfallen, wie es die Begriffsphilosophen gerne tun, indem sie eine begriffliche Relationalität zwischen Schöpfung und Geschöpf konstruierten: Die
Erscheinbarkeit Gottes zeigt sich in der Schöpfung in einem apriorischen Maßstab des Sollens, nicht in einer  materialen Relationalität und inhaltlichen Hermeneutik der Realität. 1

Es wird in Gen 1 in einer Vernunftform und in einer Sprache gesprochen, die im Durchreflektieren des Gemeinten verstanden werden kann – im Sinne eines  apriorischen Maßes des Sollens und der Freiheit.

Es handelt sich nicht a) um eine wissenschaftstheoretische Beobachtungssprache, als sei bei der Schöpfung etwas zu beobachten oder zu vermessen (gewesen), auch nicht
b) um eine bloße Metaphernsprache einer schönen Mythologie, wobei einer Mythologie oft sehr tiefe Vernunfterkenntnis konstatiert werden kann,   

c) sondern durchaus vernunftkritisch und nachvollziehbar soll eine apriorische Erscheinungsform des Absoluten („Gottes“) in reflexiver Terminologie verkündet werden.
Die sog. „Naturwissenschaften“ mit ihren Axiomen und Definitionen und Hypothesen fußen ja auf die Begründungen,  die sie selbst  in ihrer Beobachtersprache nicht begründen können.

Hier hingegen soll etwas  a priori aus Vernunftgründen begründet und nach einem absoluten Geltungsgrund gerechtfertigt werden.  

Wenn  schon in der empirischen Empfindungs- und Gefühlswelt darauf gerechnet wird, dass wir spontan  und unmittelbar auf Hemmungen reagieren und eine sinnliche Innen- und Außenwelt mit den spezifischen Werkzeugen der Sprache beschreiben, wie viel mehr wird uns a fortiori im Sprechakt eines Textes von Gen 1 und seiner ganzen Aussageabsicht angemutet, das darin liegende personale Sollen als Einheit von Zeichensetzung und Bezeichnung reflexiv zu verstehen und als Realisierungs- und Sinnforderung eines absolut guten, heiligen Willens, der sich in der Schöpfung aussagen will, spontan nachzuvollziehen? 2

4) So muss z. B. – um nur eine Sequenz herauszugreifen -, der explizite Schöpfungsauftrag Gen 1, 26.28 so  ausgelegt werden, dass  das „Abbild“ und „Bild Gottes“  bereits ein substantiell freies Vernunftwesen ist, damit eine Realisierungs- und Sollforderung überhaupt an es ergehen kann. Das substantiell freie Vernunftwesen ist befähigt zu Bedingungen der Freiheit eine sinnvolle Realisierung und Lebensgestaltung einzuleiten und zu führen, zu „herrschen“, und umgekehrt gerade so die Durchsichtigkeit  auf die apriorische Vernunftoffenbarung und Äußerung Gottes bezeugt und  sichtbar bleiben kann. 

Im Abbild „Mensch“ – noch dazu dann zweigeteilt gedacht – liegt die Sichtbarkeit des unsichtbaren Gottes und der inkarnierte reine, heilige Wille seiner Grundintention nach.  In der Einheit einer Aufforderung zu einem freien Handeln bildet sich die Intention des Schöpfers ab. Diese Einheit einer Aufforderung ist noch keine Trennung von Performation und Proposition, von Referenz und Prädikation, sondern projektiv-zweckhaft, virtuell ist vorweggenommen, was den Sprechakt und das Verstehen  und  die performative Kraft einer vorauszusetzenden Konstitutionsbedingung erst ermöglicht:  eine gesollte und gewollte  Einheit eines übereinstimmenden, glaubenden, vertrauensvollen Wollens im und durch den heiligen Willen (Gottes).
M. a. W., das vorstellende und praktische Handeln des Vernunftwesens „Mensch“  kann als „Abbild“ sich bewähren, wenn die Sichtbarkeit des heiligen Willens in ihm selbst zu Bedingungen der Freiheit zum Ausdruck kommt. Ohne diese genetische Begründung seiner Abbildhaftigkeit, eine Begründung aus sich,  ist der Mensch nichts, ein nicht identifizierbares Wesen oder ein determiniertes, zufälliges Produkt – und umgekehrt, wird alle sichtbare Außenwelt nicht als Schöpfung erkannt. 3

Anders gesagt: Nicht eine objektivierende  Prädikationsform einer kausal-begrifflichen Erklärung  oder ein bloß gegenständlich-epistemisch verstandenes „Abbild“ Gottes kann das Wissen der Rede von Gen 1 tragen und nachvollziehen, sondern das „Abbild“ ist bereits  der Standpunkt, der staunend und dankend auf die Schöpfung schaut, sozusagen von außen alles schöpfungstheologisch sehen  lässt.    

Die Transzendenz Gottes muss gewahrt bleiben, zugleich soll das hypothetische Denken dieser Voraussetzung so disponiert und entfaltet werden, dass zu Bedingungen der Freiheit die Art und Weise einer interpersonalen und individuellen und sinnlichen Reflexion ermöglicht wird. Wie diese Konstitutionsgenese eines Zusammenhangs des Unbedingten mit dem Bedingten eines Abbildes (einer Seele) möglich sei – das nenne ich hier die „Metaphysik des Absoluten“, d. h. die Wirklichkeit des Absoluten zu transzendentalen Bedingungen des Erkennens. 

Anders gefragt: Was ist vernunfttheoretisch verlangt? Es soll weder die Gottesidee selbst zeitlich oder objektivistisch verendlicht und relationiert werden, noch das endliche Vernunftwesen gänzlich vom absolutum geschieden sein.  Es muss a) in einer Selbstbezugsform sowohl von Seiten des absolutum eine gebundene, in sich geschlossene Form der Aussage geben, die als Sollensform ganz hervortritt, als auch b) von Seiten des Vernunftwesens „Abbild“ muss eine klare Selbstbezugsform zum absolutum (egologisch) möglich sein.

Oder anders ausgesagt: Die Bedingungen der Erscheinbarkeit Gottes sind abgestimmt und rückbezüglich zum Erkenntnis- und Wissensakt des „Abbildes“ (egologisch) formuliert – und anders könnte eine Welt als „Schöpfung“ gar nicht erkannt werden – und umgekehrt, wenn auch nicht in gleicher Symmetrie, weil das WIE der Schöpfung nicht in die Kompetenz des Vernunftwesens fällt, könnte sich das Vernunftwesen nicht als „Abbild“ erkennen.  

5) Wie kann das transzendental-deduktive Gesetztsein des Menschen  (als „Abbild“) und der übrigen Schöpfung in ein philosophisch-rationales Verstehen übergeführt werden? M. a. W., wie kann das Verhältnis Absolutes/Geschaffenes rational so gedacht werden, dass sowohl die Absolutheit und absolute Andersartigkeit Gottes, als auch das ständige Bezogensein des „Abbilds“, als auch  der ganzen Schöpfung,  auf diesen absoluten Geltungsgrund gewahrt bleiben?
Das Verhältnis eines Denkens von Schöpfer/Schöpfung (Absolutes/Geschaffenes) offenbart m. E. einen
Setzungsgrund, der
a) weder aus dem Bewusstsein alleine erklärt werden kann, so als könnte das Bewusstsein aus eigener Position das Absolute denken und setzen. Das ist  oberflächlich und dumm – siehe z. B. bei Schelling, Hegel, Feuerbach u. Co. Sie sind nur zu einem immanent vorgestellten absolutum aufgestiegen bzw. zur expliziten Leugnung desselben.
b) Noch offenbart das Verhältnis Absolutes/Geschaffenes ein bloß begrifflich gedachtes absolutum, einen ad infinitum fortschreitenden Erkenntnisgrund einer realen Ursache oder einer Emanation Gottes, wie es in asiatischen Religionen zu finden ist (oder ebenfalls bei Schelling oder in antiken emanatistischen Erklärungen). 
c) Das Denken des Absoluten, außerhalb dessen Erscheinung notwendig kein anderes Sein sein kann, muss sowohl das Bezogensein  auf das absolute Sein, als auch die Möglichkeit eines schematisierenden Bild-Seins und einer eigenständigen, individuellen Vielheit der Freiheit und einer unendlich zu reflektierenden Welt zum Ausdruck bringen können. 
Ich möchte dieses Verhältnis Absolutes/Geschaffenes etwas behelfsmäßig und ausbaufähig kurz so beschreiben – natürlich viel schärfer und genauer in Fichtes WLn nachzulesen: Das Verhältnis Absolutes/Geschaffenes ist
eine Ursache, die ihren Grund außerhalb des Begründeten hat;  eine Ursache als Grund, die Grund einer Folge ist, die im Aufgerufen- und Aufgefordertsein und in einem Bezogensein von Freiheit,  existentiell und dauernd und zeitlos und frei und unendlich bestimmbar eingesehen werden kann. Einerseits kann alles, was da ist, nur durch das absolute Dasein und den Existentialakt des Absoluten da sein; andererseits gewinnt im Grund-Folge-Denken und der Eruierung einer transzendentalen Wissensstruktur  (des Selbstbewusstseins) das Bild der Genesis (das Hervorgehen der Schöpfung in einem ewigen Sinne) erst Kontur und Gestalt in jedem individuellen und interpersonal verfassten Selbstbewusstsein.  

Anders gesagt: Das Vernunftwesen „Mensch“ kann sich nicht metaphysisch irgendwie abhängig oder emaniert aus Gottes Wesen  hervorgehend begreifen, aber konkret als Teilrealisation des Ganzen der Sich-Erscheinung des Absoluten, als repräsentative Genesis dem Sollen nach, das sich zu Bedingungen der Freiheit inkarnieren und interpersonal und sinnlich ausschematisieren will, muss es sich notwendig begreifen, will es sich begreifen.

Es ist in der Reflexion auf den absoluten Geltungsgrundes ja bemerkenswert, dass Gen 1 weder a) idealistisch  zurückgeht auf ein erstes Prinzip in der Art, dass die notwendigen Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung sukzessive supponiert werden, bis man zu einer letzten, anscheinend unleugbaren Bedingung gekommen ist,  die man dann „Gott“ nennt, noch wird 
b) versucht,  realistisch auf eine kausale, physikalische oder sonst wie emanative Ursache zurückzugehen, die dann irgendwie pantheistisch-esoterisch verbrämt wird. 
Vielmehr wird c) intuitiv-intelligierend eingesehen, dass von vornherein eine Selbstbezugsform des Sich-Wissens und des Selbstbewusstseins konstitutiv angesetzt und vorausgesetzt werden muss, um sowohl begrifflich vom „Abbild“ wie von der Schöpfung des Himmels und der Erde überhaupt sprechen zu können. 

Die Konstitutionsgenese der äußeren sinnlichen Welt wie der inneren Bewusstseinswelt wird dabei symbolisch und bildlich in Tage zerlegt, „erster Tag“, „zweiter Tag“…….. bis zum „Sabbat“, weil ein grundlegendes Diskursivitätsgesetz des Denkens uns auferlegt ist. Schlussendlich muss aber alles überzeitlich und konstitutiv  wieder eingeholt werden können, bildlich ausgedrückt in dem Wort vom „Sabbat“.  
Am „Sabbat“ ist die Erinnerung an das Hexameron gesetzt und zugleich das virtuelle Ende aller geforderten Realisierung. Das Ende ist der Lobpreis Gottes. 

Anders gesagt: Es ist diskursiv  in Tagen aufgeteilt das Verhältnis Absolutes/Geschaffenes, zugleich ist diese Diskursivität systematisch zusammengehalten in einer überzeitlichen, dauernden Konstitutionsgenese  als creatio continua. 

Bezieht man jetzt  die geschichtliche Realisierungsformen des Guten wie Bösen ein, wie es transzendental notwendig geschehen muss, so stellt sich die Frage nach Satisfaktion und Restitution  des Bösen:  Die  positiven Offenbarung Gottes wird der Schöpfungsabsicht selbst entsprechen müssen. Sie ist im zeitlosen Anfang der Schöpfung und in ihrem virtuellen Ende des „Sabbats“ enthalten, wenn auch zeitlich unableitbar. Wir können diese positive Offenbarung diskursiv als „achten“ Tag der Schöpfung beschreiben, aber das ist nur Metapher. Der „Sabbat“ wird durch die Auferstehung JESU vollendet und erfüllt.  

Die überzeitliche, deduktiv-systematische Konstitutionsgenese des Geschaffenen aus dem Absoluten zeigt sich genetisch vollendet, faktisch hingegen zur höchst prekären Realisation freigegeben.

3) Es wird gar nicht erst versucht, den Menschen evolutionär, langsam entstanden sein zu lassen,  oder irgendwie bloß höher stehend als die Tiere einzustufen,  nein, unmittelbar, überzeitlich wird der Mensch als Vernunftwesen ins Haus der Schöpfung gesetzt. Kategorisch ist der Mensch als Freiheitswesen generell vom Tier unterschieden und im Vokativ und mit geschlechtsspezifischen Unterschied (als Mann und Frau)  in eine genetisch-konstitutive Aufruf-Antwort-Situation hineingestellt. Der Mensch ist als Vernunftwesen erschaffen, als „substantieller Denk- und Selbstbestimmungsakt“ (Dr. Bader), als „Abbild“, und wird nicht erst zeitlich zum „Abbild“. Er ist als solcher fähig,  Repräsentant, „Statue“  – was die historisch-kritische Herleitung des  Wortes „Abbild“ sein dürfte –  einer apriorischen Vernunftoffenbarung und Zeuge einer positiven Offenbarung Gottes sein zu können. 4

Wiederum systematisch reflektiert: Die  von KANT und FICHTE (neben vielen anderen Vorläufern der Transzendentalphilosophie, angefangen von PLATON)   entwickelte Konzeption des Wissens  schließt von allem Anfang an die Realisierung (Verwirklichung) der Aufgabe mit ein. Das Faktum des Geschöpfes „Mensch“, „Abbild“, ist so konzipiert, dass er zu Bedingungen der eigenen Freiheit abbildlich, nachbildend, selbstbildend, die Welt „bevölkert“, verantwortungsvoll „beherrscht“ und bewohnt werden kann und soll, bis alles, wie in der Konstitution vorgesehen,  vollendet ist am „Sabbat“.    

(Es könnten jetzt noch viel mehr herrliche transzendentale Details herausgelesen werden – und ich noch gar nicht sehe.)

6) Wie mit einem Paukenschlag beginnt es. Die erste Setzung im Wissen ist Dasein, Existenz („bereschit“) – und innerhalb dieser Setzung ist gleichzeitig ein Aufruf gesetzt. Transzendentalphilosophie ist Existenzphilosophie, Daseinsanalyse, insofern das Dasein des Menschen im Dasein Gottes begründet und gerechtfertigt ist. (Nicht zu verwechseln mit einer verabsolutierten Daseinsphilosophie der Reflexion wie bei Heidegger u. a. praktiziert.)

Die Kategorie der Realität, von der zwar anmaßend jeder Positivismus oder Dogmatismus ausgehen, ist solange hypothetisch, als die zu begründende Erscheinungsobjektivität und Erscheinungssubjektivität („Realität“) als Ursache der Vorstellung in ihren transzendentallogischen  Gesetzen nicht abgeleitet ist, d. h. als ihre faktische Wirklichkeit nicht bedingt begriffen werden kann. 5 Von vornherein wird in Gen 1 deshalb von der begrifflichen und absoluten Einheit der Erkenntnis ausgegangen, nicht von einer vorausgesetzten „Realität“. Die Wirklichkeit wird projiziert als Schöpfungs-Akt („bara“),  zugleich aber mit der Intention, das im Anfang schon Wahrheit und Liebe enthalten sind – „bereschit“. (Siehe dann nächster Blog zum Begriff des Anfangs.)    

Rein reflexiv im Wissen formuliert und konstitutiv im Wissen gesetzt: Es ist das transzendentale Prinzip einer absoluten Reflexibilität, eines „absoluten Ichs“, das Gen 1, 1 nachbildet und nachkonstruiert – und in den späteren WLn Fichtes durch ein absolutes Soll des erscheinenden Absoluten/theos deduktiv begründet ist.
Die  Autoren (oder der Autor) des ganzen Kapitels  Gen 1 haben das intuitiv und intelligibel, unüberbietbar und genial erfasst.

Die Transzendentalphilosophie hat die Aufgabe, die Konstitutionsgenese des Geschaffenen aus dem Absoluten darzustellen: Mit den Begriffen der ersten WL Fichtes der GWL von 1794/95 könnte man das etwa so beschreiben: Die Handlungen des Geistes sind hier in Gen 1 in Reflexionsideen in drei Ebenen angesiedelt:
a) das der Negation nicht fähige „absolute Ich“, 
das Absolute/Gott
b) das Ich als Substanz, die „Totalität aller Realität“ (GRUNDLAGE, § 3) mit allen weiteren apriorischen Gesetzlichkeiten der  Ichform, der Wissensform;
c) das begrenzte Ich, das durch das Nicht-Ich begrenzt gesetzt wird bzw. umgekehrt sittlich-praktisch das Nicht-Ich begrenzt (GRUNDLAGE ab § 4 ff. ); m. a. W., das endliche Ich. 

FICHTE entdeckt zweierlei: 1.) dass es zu jeder Kategoriengruppe einen höheren Begriff einer Totalitätseinheit gibt. Das wäre für jede Gruppe durchspielbar: In der Kategoriengruppe der Quantität ergibt das die Einheit in der Vielheit; in der Kategoriengruppe der Qualität den Begriff der Realität; in der Relation die „Totalität aller Realität“ (=Substantialität, Kausalität, Wechselwirkung); in der Modalität die Notwendigkeit.

Über allen reflexiven Bestimmungen  und Systematisierungen des Ichs und deren Totalitätseinheit liegt die  überdisjunktive, schlechthinnige, absolute Einheit. (1. Ebene)
Alle reflexiven  Bestimmungen des Vernunft-Ichs  sind innerhalb des „absoluten Ichs“ (2. Ebene)  angesiedelt und können durch die implikativen und appositionellen Setzungen der Vernunft nicht überschritten werden. Die Begründung und Rechtfertigung diese Reflexivität muss  aber in ihrem Grundsein und Ursachesein außerhalb des Begründeten liegen (erste Ebene), sonst würde ja das Absolute relativiert, umgekehrt darf aber das konstitutive Bezogensein des endlichen Seins zum Absoluten nicht aufgegeben werden.

Wie genau die Autoren von Gen 1 diese transzendentale,  apriorische Perspektive einer überdisjunktiven Einheit gesehen und durchgehalten haben, das ist schlechthin genial – und führt zu einer, was jetzt freilich genauer auszuführen wäre, rückbezüglichen Sinnordnung, zu einer vom göttlichen Licht durchdrungen Schöpfungsordnung. (3. Ebene) Ich umschreibe diese Sinn- und Lebens- unbd Schöpfungsordnung behelfsmäßig als „sakramentale“ Ordnung, als Schöpfung zu Bedingungen der Freiheit und des „Abbildseins“ auffindbar, sofern der Rückbezug zum überzeitlichen, göttlichen Setzungsakt  und absoluten Geltungsgrund gewahrt bleibt.

Die Vernunft ergreift sich in den Kategorien und Reflexionsformen, weiß um sich, fasst sich als Denk- und Selbstbestimmungsakt, und schematisiert sich zu einem Bildwesen. Die Vernunft stellt dabei kein einfaches, objektiviertes Sein dar, sondern ist wesensmäßig ein Sein im Reflex und in der Reflexivität, ein Sein im Selbstbezug. Es wird dabei, wie schon gesagt, a) ein implikatives Grund-Folge-Verhältnis gesetzt und darüberhinaus b) ein appositionelles (nebeneinander gestelltes) Verhältnis gesetzt.  Der Grund der bestimmten Vorstellung, qualitativ beginnend mit dem Gefühl – und nochmals höherwertig der  freie  Aufruf  – liegt aufgrund einer nicht gleichzeitig sein könnenden Implikation in einer Apposition, außerhalb des Ichs, wiewohl es im Ich und am Ich empfunden wird – und es folgt damit  der Begriff einer freien Ursache-Wirkungsordnung – „Ursache“ hier nicht sehr gut, besser, es folgt eine freie, reflexive, interpersonale und personale Ordnung in einem Aufruf-Verhältnis – ein appositionelles Bezogensein.

Dieser appositionelle Zusammenhang kann nur durch eigenständiges Nachdenken und Mitvollziehen eingeholt werden. Gen 1 ist deshalb Hymnus, Gesang, Meditation, Gebet. Das Prinzipielle einer Erkennbarkeit Gottes und die konkrete Realisierungsforderung einer Sinnidee – das ist in Gen 1 zusammengefasst. (Die Meditation erfasst es, oder die wunderbare „Schöpfung“ von Joseph Haydn.)

FICHTE sagte einmal sinngemäß, wer die Frage nach dem Grunde zum ersten Mal stellte, erschütterte die Welt. So ist es. Was ich mir denken kann, dafür muss es einen Grund geben. Die Autoren von Gen 1 erschütterten eine alte Weltordnung.

Historisch war das Volk ISRAEL vielleicht äußerlich höchst erschüttert, das war der Anlass, und es gab eine unsterbliche Antwort auf die Frage nach dem Grund und der Einheit aller Erscheinung mit diesem Lied Gen 1.

7) Die Anwendungsbedingungen einer apriorischen und positiven Offenbarungsordnung können nicht aus der Sinnlichkeit direkt entnommen werden; aber m. E. ist selbst die physikalische, anorganische Welt und dann die biologische und dann die gesellschaftliche Welt, also die ganze Natur des Vernunftwesen und Abbildes „Mensch“, unleugbar durch Reflexionsideen bestimmt. Die Physiker nennen es  „anthropisches Prinzip“?

Seltsamerweise sind ja alle Naturgesetze auf die Ermöglichungsbedingung von Leben auf unserem kleinen Planeten hingeordnet.  Das ist eine nicht zu leugnende Tatsache. Gibt es im Bewusstsein selbst eine genetisch-konstitutive Erklärung, warum wir das Faktum des „anthropischen Prinzips“ überhaupt finden und vertreten können? Und selbst wenn jetzt hartnäckig gegen das „anthropische Prinzip“ skeptisiert wird, so möge sich dieser  halbfertige Skeptizismus (oder Evolutionismus) doch fragen, ob er nicht konkret selber die apriorische Daseins- und Lebensregeln voraussetzen muss, sonst könnte er nicht einmal einen Skeptizismus anwenden.

Um die transzendentalkritischen Wissensbedingungen und einer letzten Geltungs-Voraussetzung von Grund und Folge bzw. Ursache und Wirkung kommt weder einer Naturwissenschaft noch eine historisch-kritische Exegese herum. Man merkt es Gen 1 auf den ersten Blick an, dass weder rein analog zu anderen Göttergeschichten des Vorderen Orients etwas erzählt werden soll, noch rein naturalistisch etwas behauptet wird, sondern eine apriorische, universal gültige Geschichte eines Verhältnisses wird erzählt, oder besser gesagt, wird besungen und meditiert. Mangels besserer Begriffe möchte ich sagen, eine transzendentalkritische Erkenntnislehre auf höchstem Niveau, die apriorische Geschichte eines personalen und interpersonalen Verhältnisses wird dargestellt, besungen in vollkommener Schönheit. 

(c) Franz Strasser, 15. 10. 2015 

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1Die Bibelexegese hat in den letzten 2 Jhd. viele textkritische Methoden entwickelt, dazu verschiedene literarische und anthropologische, soziologische, psychoanalytische Methoden beigezogen.  Einen guten Überblick bietet dein Dokument aus Rom aus dem Jahre 1993. Zitat aus: Bibel und Kirche, 4. Quartal, 1994 speziell zur historisch-kritischen Methode: „Im derzeitigen Stand ihrer Entwicklung durch läuft die historisch-kritische Methode folgende Etappen: Die Textkritik, die seit langer Zeit geübt wird, er öffnet die Reihe der wissenschaftlichen Forschungsvorgänge. Indem sie sich auf das Zeugnis der ältesten und besten Manuskripte stützt, wie auch auf die Papyri, die alten Übersetzungen und die Patristik, versucht sie, nach bestimmten Regeln, einen biblischen Text zu erstellen, der dem Originaltext so nahe wie möglich kommt. Danach wird der Text einer linguistischen (morphologischen und syntaktischen) und semantischen Analyse unterzogen, die die Erkenntnisse der historisch-philologischen Forschung benützt. Die Literarkritik bemüht sich dann, Anfang und Ende der großen und kleinen Texteinheiten zu bestimmen und die innere Kohärenz des Textes zu prüfen. Die Existenz von Dubletten, unvereinbaren Gegensätzen und anderen Indizien lassen den zusammengesetzten Charakter gewisser Texte erkennen; man unterteilt sie in kleine Einheiten, um deren mögliche Zugehörigkeit zu verschiedenen Quellen zu ermitteln. Die Gattungskritik versucht, die literarischen Gattungen, ihr Ursprungsmilieu, ihre spezifischen Merkmale und ihre Entwicklung zu bestimmen. Die Traditionskritik situiert die Texte in den Überlieferungsströmen, deren Entwicklung im Laufe der Geschichte sie zu präzisieren versucht. Die Redaktionskritik schließlich untersucht die Veränderungen, die die Texte erfahren haben, bevor sie zu ihrer endgültigen Form gelangten; sie analysiert diese Endgestalt, indem sie die Texte unter dem Gesichtspunkt ihrer jeweiligen Orientierungen von einander unterscheidet. Während man in den früheren Schritten versucht hat, den Text in seinem Wer den in einer diachronen Perspektive zu erklären, so schließt dieser letzte Schritt mit einer synchronen Untersuchung: man erläutert nun den Text als solchen, dank der gegenseitigen Beziehungen der verschiedenen Elemente untereinander und betrachtet ihn unter dem Gesichtspunkt einer Botschaft, die der Verfasser seinen Zeitgenossen vermitteln will. So kann auch die pragmatische Funktion des Textes berücksichtigt werden. Wenn die untersuchten Texte einer historischen literarischen Gattung angehören oder in Verbindung mit geschichtlichen Ereignissen stehen, so ergänzt die historische Kritik die Literarkritik, um die geschichtliche Bedeutung des Textes im modernen Sinn des Ausdrucks festzustellen. Auf diese Weise werden die verschiedenen Stufen der konkreten Entwicklung der biblischen Offenbarung ans Licht gebracht.“ (S 186) Die transzendentale Frage ist dann: Wie kommt man von der diachronen zur synchronen Betrachtung? Wie ist die zeitliche Vorstellung überhaupt möglich?

2Vgl. dazu Peter Baumanns, Von der Theorie der Sprechakte zu Fichtes WL, in: Der transzendentale Gedanke, Hamburg 1981,  S 184.

3P. BAUMANNS analysiert kritisch mit transzendentalem Hintergrund der WL diese Sprechakttheorie von SEARLE und AUSTIN und legt zugleich Vorschläge vor, wie die Vermittlung von Sprache im Sprechakt transzendental zu denken sei. (Ab S 184 – 186)

4Die im Schöpfungsauftrag Gen 1, 26.28 so genial festgehaltende Realisierungsforderung und Sinnforderung von Wahrheit und Sinn, von Heiligkeit und Gerechtigkeit, von Glaube und Wissen, konnten die griechischen Philosophen deshalb so schwer fassen, weil sie entweder das Sein oder die Negation des Seins als höchste Idee zwar gesehen haben, aber nicht den Bundesgedanken und den personalen Aufruf Gottes (aus der Hl. Schrift)  kannten. Sie entdeckten eine göttliche Vernunftordnung, aber nicht den Glauben an einen Bundesgott in dieser Vernunftordnung. Das verdanken wir der Hl. Schrift!
Die historisch-kritische Bibelauslegung kümmert sich vielleicht? nicht um die systematisch und philosophisch zu ziehenden Schlüsse in vielen ihrer herrlichen Forschungen. Sie kommt aber m. E. nicht um eine
transzendental-kritische Systematisierung herum, weil sie notwendig a) die apriorischen, unzeitlichen Erkenntnisbedingungen integrieren muss und b) sogar aus historischer Perspektive eine gewisse Vereinheitlichung der Theologiegeschichte Israels anerkennen muss, will sie den Sinn von Gen 1, der sogenannten „Priesterschrift“, ganz erkennen.
Ich zitiere  z. B. aus Konrad Schmid, Der Pentateuch und seine Theologiegeschichte. In Zeitschrift für Theologie und Kirche, Sept. 2014, S 25: „ Zum einen reformuliert sie die aus der Tradition, besonders den Psalmen, bekannte Schöpfungsthematik im Blick auf die creatio prima und ermöglicht von daher eine grundsätzliche Neukonzeption des Gottesbegriffs sowie der Vorstellung von Gottes Handeln in und an der Welt. Besonders in der Priesterschrift, aber auch bei Deuterojesaja, wird deutlich erkennbar, dass Gottes Handeln grundsätzlich als Schöpfungshandeln qualifiziert wird. Das ist eine Neuerung gegenüber den herkömmlichen Darstellungsweisen von Gottes Handeln in den Geschichtsbüchern, namentlich in ihrer deuteronomistischen Prägung: Gott wirkt unmittelbar oder durch andere Mächte, aber in der Geschichte, als ein Faktor neben anderen. Durch die Einleitung durch die Urgeschichte ergibt sich hier eine Perspektivenveränderung: Der Gott der Geschichte ist der Schöpfergott, der Zeit und Geschichte selbst erschaffen hat. Deshalb kann er zwar in und durch die Geschichte wirken, ist aber nicht einfach ein Faktor in der Geschichte. Zum zweiten ist der Urgeschichte die universale Aufweitung des in Gen 12–Dtn 34 vorherrschenden Israelhorizonts zu verdanken: Gen 1–11 bietet eine weltweit orientierte Kontextualisierung der ab Gen 12 einsetzenden Geschichte der Ahnväter Israels und dem aus ihnen entstehenden Volk.“

5Wir müssen vom Zirkel des Wissens und konkret von der Gestalt eines Einzel-Ich ausgehen, um den Zirkel des Wissenden und Gewussten zu heben. Eine biologische und evolutiv fortschreitende Kausalität kann die Gestalt eines Einzel-Ichs nicht erklären, wie der Evolutionismus vorgibt tun zu können.  Auch der Evolutionismus setzt das Einzel-Ich voraus. Vgl. dazu z. B. A. MUES, Thesen gegen die evolutionäre Erkenntnistheorie und die sie ermöglichende philosophische Positionen, in: Fichte-Studien 4, 1992, 119ff.

Autor: Franz Strasser

Dr. Franz Strasser